18 Jan 2016

Menscheln berührt: Warum wir unsere Gefühle nicht verstecken müssen

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Neulich erhielt ich einen Anruf. Die sehr nette Dame an meinem Ohr wollte mich für eine Buch-Anzeige in ihrem Katalog begeistern. Wir sprachen über die Philosophie von sorriso, über unsere aktuellen Bücher und die dahinterstehenden tollen Autorinnen und Autoren … Wir sprachen auch über den Tod und den Neubeginn. Plötzlich wird die Dame sehr bewegt. Leise erzählt sie mir, dass der Vater ihrer besten Freundin letztes Wochenende tot umgefallen ist – einfach so, aus heiterem Himmel.

Und dass genau diese Freundin, die eigentlich gerade sehr mit dem Tod ihres eigenen Vaters hadert und tief trauert, meiner Gesprächspartnerin nun bei der Organisation des Alltags mit ihrem eigenen Vater hilft, der eine schwere Krankheit hat und auch bald sterben wird … Wir waren beide still und brauchten keine großen Worte, um uns zu verstehen. Ich konnte ihre Gefühle gut nachempfinden, da auch mein Vater vor einigen Jahren gestorben ist.

„Ach Gott, jetzt bin ich ganz privat geworden, das wollte ich gar nicht“, sagt die Dame auf einmal. Ich antworte: „Ja, aber das ist doch gut so! Wir sind doch alle Menschen. Wir können doch das Private nicht vom Beruflichen trennen. Wir sind doch immer eins, das ist es doch, was uns ausmacht!“ Und einem spontanen Bauchgefühl folgend sage ich: „Ich möchte Ihnen gern unser neues Buch schenken, „Der Duft des Engels“. Es ist vor ein paar Wochen frisch erschienen. Ich habe das Gefühl, dass es Ihnen gut tun wird. Es hat schon vielen Menschen dabei geholfen, den Tod zu verstehen, und gibt ihnen das beruhigende Gefühl zu wissen, wohin der geliebte Mensch geht. An welche Adresse darf ich es Ihnen schicken?“

Die Dame ist ganz berührt und bittet mich darum, dass ich es ihr doch an die private Adresse sende, damit sie es gleich noch am Wochenende lesen kann. Herzlich haben wir uns voneinander verabschiedet. Dieser kurze Moment am Telefon – wie er nur ungeplant passieren kann – hat mir wieder einmal gezeigt, wie wichtig es ist, einfach Mensch zu sein. Sich zu trauen, den Gefühlen, die gerade da sind, freien Lauf zu lassen. Uns nicht hinter dem „business“ zu verstecken, sondern zuzulassen, ganz der Mensch zu sein, der wir gerade sind: der Mensch, der trauert. Der Mensch, der gerade einen schweren Verlust erlitten hat oder bald erleiden wird. Der Mensch, der unsicher ist. Der Mensch, der nicht weiß, wie es weitergeht. Der Mensch, der gerade vor einem Neuanfang steht. Der Mensch, der sich gerade getrennt hat. Und genauso auch der Mensch, der sich gerade frisch verliebt hat. Der ein Kind erwartet. Der ein kreatives „Kind“ zur Welt bringen wird. Der Mensch, der gerade einen großen Sieg errungen hat oder die Ernte einfährt für einen großen Einsatz … Das ist es, was uns ausmacht.

Wenn wir wirklich Mensch sind, dann berühren wir andere Menschen auf tiefste Weise. Dann sind wir auf Augenhöhe und sprechen nicht von oben herab als „Experte“. Wenn wir dagegen wie eine leblose Hülle herumlaufen und so tun, als hätten wir keine Gefühle, dann bleiben auch unsere Begegnungen leer, eine Hülle und ohne Gefühl. Ich wünsche uns allen viele menschliche Momente in diesem Jahr und den Mut, die zu sein, die wir sind.

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